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Supermarkt für Hamburgs Ärmste
Kostenlose Lebensmittel für Menschen die kein Geld haben

SIMONE PAULS
Ananas, der Keller riecht nach Ananas. Es gibt aber auch Tage, an denen riecht er nach Orangen oder Brot. Je nachdem, wovon viel gekommen ist. Die Ananas stehen oben im Regal, daneben Milch, Äpfel, Fleisch. Was aussieht wie ein Lager eines Restaurants, ist eine Einrichtung, die armen Hamburgern das Leben ein wenig sorgloser macht. In der "Wilhelmsburger Tafel" gibt es kostenlos Nahrungsmittel für Bedürftige. 500 Stammgäste gibt es - Tendenz steigend.

Das Prinzip ist einfach: Geschäfte spenden Lebensmittel, die kurz vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum stehen. Der Bus der "Tafel" holt sie ab und bringt sie zum Alten Deichhaus, Vogelhüttendeich 55. Dienstags bis sonntags können sich arme Hamburger dort bedienen.

Es ist kurz vor 13 Uhr, Mitarbeiter Werner Braunbarth (51) schleppt eine prall gefüllte Kiste nach der anderen aus dem Bus. "Drei Mal bin ich mit dem Bus heute schon unterwegs gewesen", schnauft er. Er stapelt seine Ausbeute im Keller, wo gleich die Ausgabe beginnt.

Vor der Tür gehen schon die ersten Kunden auf und ab. Sie haben leere Plastiktüten dabei. Alte Frauen mit sorgenvollem Blick sind darunter, eine Schwangere mit Kopftuch, Männer in grauen Anoraks. 41 Kunden sind gekommen, weniger als sonst. Sogar aus dem fernen Lurup und Eppendorf hat man sich schon auf den Weg zur "Wilhelmsburger Tafel" gemacht.

Wer sich bedienen will, braucht den "Tafel"-Ausweis. Und den bekommt nur, wer Bedürftigkeit nachweisen kann. "So wollen wir sicherstellen, dass nur kommt, wer es wirklich nötig hat", sagt Hildebrand Henatsch. Er ist pensionierter Wilhelmsburger Pastor und Vorsitzender der Arbeitsloseninitiative Wilhelmsburg, zu der die "Tafel" gehört. "Unsere Kunden sind Arbeitslose, Rentner und Migranten", sagt er. Die meisten kommen zwei Mal pro Woche. 1997 hat er die Einrichtung gegründet.

Um 10 Uhr werden die Wartemarken vergeben, sie kosten zwei Euro. Wer die "Eins" hat, darf sich zuerst bedienen. Um eine der ersten Marken zu ergattern, warteten früher deshalb schon um 6 Uhr die ersten Kunden vor dem Haus. Jetzt wird um 10 Uhr gelost. Ab 13 Uhr werden die Waren ausgegeben.

"Tafel"-Mitarbeiterin Stefanie Duran (38) sortiert derweil das Gemüse in Kisten. "Die Einrichtung hilft vielen Menschen. Ich habe 100 Euro im Monat sparen können", sagt die alleinerziehende Mutter. Wie viele "Tafel"-Mitarbeiter ist sie Ein-Euro-Jobberin und selbst Kundin. "Auch Freundinnen von mir würden gern kommen. Aber sie schämen sich", sagt sie.

Jetzt ist es 13 Uhr, es geht endlich los. Nur zehn Kunden auf einmal dürfen in den Keller gehen, sonst wirds zu voll. Jeder darf so viel nehmen, dass für die anderen genug übrig bleibt. "Bevor ich betteln gehen muss, komme ich lieber hierher", sagt ein Mann. Einige Kunden kennen sich blind aus. Ein Handgriff hier, ein Handgriff da, schon sind sie mit vollen Taschen wieder weg.

Nach knapp zwei Stunden sind die Regale leer. Nur der Duft von Ananas liegt noch schwach in der Luft. Wonach es morgen im Keller riechen wird, das weiß noch niemand. Vielleicht nach Käse oder Äpfeln. Je nachdem, wovon der Bus am meisten bringt.


Hamburger Morgenpost 9.1.2007

Book & Byte hilft Arbeitslosen in Wilhelmsburg

In einem Laden in der Veringstraße gibt es ünstig gebrauchte Computer, Reparaturen und antiquarische Bücher.

Auch wenn Arbeit knapp und die Zahl der Arbeitslosen hoch ist. Der Wilhelmsburger Pastor Hildebrand Henatsch (70) hat nie die Augen vor den Problemen seiner Mitmenschen verschlossen; sondern immer geschaut, wie er mit geringem Aufwand Menschen durch Beschäftigung einen Lebensinhalt geben kann. So ist der evangelische Gottesmann aus der ehemaligen Emmaus- und jetzigen Reiherstieg-Kirchengemeinde Mitbegründer des Trägervereins "Arbeitsloseninitiative Wilhelmsburg", die sich bereits mit Einrichtung der Wilhelmsburger Tafel einen Namen gemacht hat, wie schon mit der Möbelhilfe, einem Betreuungsprojekt für alleinlebende ältere Menschen, einer Fahrradwerkstatt und Parkpflege. Und jetzt ist das sechste Projekt auf die Beine gestellt worden, das mit "Book & Byte" einen zwar englischen, aber treffenden und einprägsamen Namen bekommen hat.

Den Namen trägt seit gestern ein kleiner Laden an der Veringstraße 61, Telefon 41 54 24 43, in dem bislang ein Blumengeschäft war. Grob übersetzt: Hier gibt es alles, was mit Büchern und Computern zu tun hat. Und die Menschen, die hier arbeiten, sind sogenannte Ein-Euro-Jobber, die alle hoffen, über die Beschäftigung und Weiterbildung in eine feste Anstellung zu kommen.

Pastor Henatsch: "Wir beschäftigen in unseren Projekten inzwischen 50 Ein-Euro-Jobber, zugleich sind bei uns in Verwaltung, Ausbildung und Qualifizierung zehn Mitarbeiter fest angestellt."

Bei Book & Byte ist von Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Mitarbeiter Tobias Lehmann sagte in einer kleinen Eröffnungsansprache: "Böcher und Computer passen als Medien gut zusammen. Wer gern Bücher liest, bekommt bei uns Kontakt zu neuer Technik. Und Computerfreaks können sich in aller Ruhe mit der Basis allen Wissens, dem Buch, befassen."

Der kleine Laden nimmt Buch- und Computerspenden entgegen. Für die Computerabteilung werden auch noch Unterstützer gesucht, die tatkräftig helfen. Wer seinen Computer selbst reparieren möchte, soll Unterstützung finden, Für, wenig Geld, können auch intakte Gebrauchtcomputer und Zubehör gekauft werden. Bücher aller Art, von leichter Muse bis anspruchsvoller Literatur gibt es für ein und zwei Euro.

Jochen Gipp - Wilhelmsburg in Harburger Rundschau 12.01.2006



"Der Bedarf wird immer größer"
Wilhelmsburger Tafel eröffnet Zweigstelle in Kirchdorf

sd - KIRCHDORF. Durch das Gemeindehaus an der Kirchdorfer Straße zieht der Duft von frischgebackenen Kuchen und auf den liebevoll eingedeckten Tischen stehen kleine Adventsgestecke. In der vergangenen Woche eröffnete die Wilhelmsburger Tafel eine Zweigstelle in Kirchdorf. "Wir haben alles rechtzeitig geschafft, nun können die Bedürftigen kommen", freut sich Sylvia Luesmann, die Leiterin der Einrichtung.

Die Türen der Wilhelmsburger Tafel am Vogelhüttendeich stehen für die Bedürftigen an sechs Tagen in der Woche offen. Oft sind die ehrenamtlichen Helfer sogar an Sonn- und Feiertagen für die Ärmsten der Armen da.

Trotzdem bilden sich an der Lebensmittelausgabe oft lange Schlangen. "Der Bedarf wird immer größer", hat Sylvia Luesmann im Rahmen ihrer Arbeit festgestellt. Innerhalb eines Jahres ist ihre "Kundenkartei" von 800 auf 1.000 Personen angewachsen. Tendenz steigend.

"Wir haben festgestellt, dass immer häufiger auch Menschen aus Kirchdorf und Kirchdorf-Süd bei uns um Hilfe baten", berichtet Sylvia Luesmann. Da darunter auch viele Rentner und Mütter mit kleinen Kindern sind, wurde jetzt direkt vor Ort eine Zweigstelle eröffnet. Die Kreuzkirche stellte die Räumlichkeiten im Gemeindehaus zur Verfügung, und auch ehrenamtliche Helfer wurden schnell gefunden.

Zunächst wird die "Kirchdorfer Tafel" jeden Mittwoch ab 10.00 Uhr öffnen. "Wir rechnen im Schnitt mit 50 bis 60 Personen pro Tag", schätzt die Leiterin der Einrichtung. Die Lebensmittelausgabe funktioniert wie bei der Wilhelmsburger Tafel. Die Menschen müssen ihre Bedürftigkeit anhand aktueller Renten-, Sozialhilfe- oder Hartz IV-Bescheide nachweisen. Wenn diese Formalität geklärt ist, bekommen die Hilfesuchenden einen Ausweis, den sie bei der Lebensmittelausgabe vorlegen müssen. Anders ginge es leider nicht, weil in der Vergangenheit gut situierte Leute versucht hatten sich Vergünstigungen zu erschleichen.

Wer die Wilhelmsburger Tafel mit Sach- oder Geldspenden unterstützen möchte, kann unter 75 66 59 34 Kontakt zu Sylvia Luesmann aufnehmen.


Wilhelmsburger Wochenblatt (Elbe-Wochenblatt) - 06.12.2006

Wilhelmsburger Tafel: Zweigstelle nach Kirchdorf
Erfolgreiche Bilanz: Arbeitsloseninitiative will noch mehr Aktivjobber.

cvs - WILHELMSBURG. 50 Ein-Euro-Jobber arbeiten derzeit bei der Arbeitsloseninitiative im Deichhaus - 75 könnten es werden, wenn es nach den Vorstellungen der Verantwortlichen geht. Der Leiter der Einrichtung, Hildebrand Henatsch: "Speziell das Parkpflegeprogramm läuft gut. Von den Behörden haben wir bereits fast alle Grünanlagen in Wilhelmsburg zugewiesen bekommen. Ein paar mehr Kräfte könnten da nicht schaden."

Zurzeit sind es zehn Langzeitarbeitslose, die mit Müllsäcken bewaffnet täglich die Parks auf der Elbinsel durchstreifen. Die restlichen Ein-Euro-Kräfte verteilen sich auf die Bewirtschaftung der "Wilhelmsburger Tafel" (10 bis 12 Beschäftigte), die Möbelhilfe (ebenfalls 10 bis 12), die Fahrradwerkstatt (4), die Nachbarschaftshilfe für Senioren (7) und den im Januar eröffneten Second-Hand-Laden "Book & Byte" für Bücher und Computer (4). Eine vorläufige Bilanz für 2005 zeigt: Mehreinnahmen gab es für die Möbelhilfe (plus 20 Prozent gegenüber 2004, insgesamt 70.000 Euro) und für die Wilhelmsburger Tafel (plus 25 Prozent, insgesamt 8.900 Euro) zu verbuchen, dazu rund 180.000 Euro an Zuschüssen für Aktivjobs von der Stadt (2004 keine Zuschüsse). Mehr ausgegeben wurde dementsprechend für Personal, Mieten und Gebäudebewirtschaftung. Unter dem Strich bleibt ein Minus von 6.000 Euro (2004: 4.000 Euro).

Ein großer Schritt zur Ausweitung des Programms könnten die Pläne für Kirchdorf-Süd sein: Dort möchte die Arbeitsloseninitiative nach St. Raphael eine weitere Zweigstelle der Wilhelmsburger Tafel einrichten. Auch Möbelhilfe und Fahrradwerkstatt könnten hier ein zweites Zuhause bekommen. Henatsch: "Vielleicht können wir die Pavillons am Kirchdorfer Damm nutzen."

Was die Arbeit mit den Langzeitarbeitslosen angeht, fällt die Bilanz äußerst positiv aus: "Es gab nur einen einzigen Abbrecher seit Beginn des Projekts", so Henatsch. Einerseits sei die Vermittlung in den allgemeinen Arbeitsmarkt schwierig, denn Langzeiterwerbslose seien es oft nicht mehr gewohnt zu arbeiten. Auf der anderen Seite stehe das Gefühl der Betroffenen, wieder etwas Nützliches tun zu können. "Man kann man sich immer wieder darüber freuen, wie sich Menschen entwickeln", findet der Deichhaus-Leiter.


Wilhelmsburger Wochenblatt (Elbe-Wochenblatt) - 29.03.2006

Die "Möbelhilfe" ist wie eine Familie
Initiative in Wilhelmsburg gibt Joblosen eine Perspektive

Eine komplette Wohnungseinrichtung gefällig? Bei der Möbelhilfe Wilhelmsburg stapeln sich nicht nur Sofas, Stühle und Lampen in allen Formen und Farben - und alles zu ganz kleinen Preisen. Geführt wird sie von (ehemaligen) Arbeitslosen.

Mit der Entlassungswelle auf den Werften Anfang der 80er Jahre fing alles an: "Wir wollten ein Zeichen setzen und das Thema Arbeitslosigkeit in die Öffentlichkeit tragen", beschreibt der Vorsitzende Hildebrand Henatsch (70) die Entstehung der Arbeitsloseninitiative Wilhelmsburg.

Aus der 1983 gegründeten Selbsthilfegruppe arbeitsloser Hafenarbeiter ist mittlerweile ein kleines "Unternehmen" geworden - unabhängig und bis auf die Gehälter selbst finanziert. Neben der Möbelhilfe werden Lebensmittel gratis an Bedürftige ausgegeben, eine Fahrradwerkstatt betrieben und älteren Bürgern geholfen - von 80 Mitarbeitern, die hauptsächlich Ehrenamtliche und Ein-Euro-Jobber sind.

Eine davon ist Denise Keskin: "Irgendwann dachte ich, so kann's nicht weitergehen", sagt die 38-Jährige. Acht Jahre war sie arbeitslos. "Ich war den ganzen Tag allein, das hat mich krank gemacht." Vor zwei Jahren kam sie zur Arbeitsloseninitiative, heute leitet sie die Möbelhilfe und hat eine der insgesamt vier Vollzeitstellen.

Kollege Tomas Böhm (40) musste zu seinem Glück gezwungen werden. Arbeitslosigkeit, Schulden - eine fast ausweglose Situation für den ehemaligen Lagermeister. Bei der Möbelhilfe musste er Sozialstunden ableisten. Ihm gefiel es so gut, dass er blieb: "Lieber ehrenamtlich arbeiten, bevor man alleine zu Hause nutzlos rumsitzt."

"Wie eine Familie" sei die 18-köpfige Möbelhilfe-Belegschaft mittlerweile, betonen Keskin und Böhm. "Wir haben viele Freunde gefunden."


MATHIS NEUBURGER - Hamburger Morgenpost 23.09.2005

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